Das Kuscheltier als Übergangsobjekt
Was ein Stofftier im Kopf eines Kindes tatsächlich leistet.
Der Teddybär ist eines der wenigen Spielzeuge, deren Entstehung sich auf zwei Jahre und zwei Orte eingrenzen lässt: auf eine Jagd in Mississippi und auf eine Nähstube in Giengen an der Brenz. Dass beides zusammenkam, war Zufall.
Rubrik Geschichte & Bedeutung Lesezeit 9 Minuten Stand August 2026
Im November 1902 weigerte sich der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt auf einer Jagd in Mississippi, einen angebundenen Bären zu erschießen. Der Zeichner Clifford Berryman machte daraus eine Karikatur in der Washington Post, und der Brooklyner Händler Morris Michtom stellte daraufhin einen genähten Bären als „Teddy's bear“ ins Schaufenster. Fast gleichzeitig und unabhängig davon entwarf Richard Steiff in Giengen an der Brenz einen beweglichen Plüschbären, der 1903 auf der Leipziger Messe gezeigt und in großer Stückzahl nach Amerika verkauft wurde. Aus beiden Strängen wurde dasselbe Spielzeug.
Im November 1902 reiste der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt nach Mississippi. Anlass war ein Streit über den Grenzverlauf zwischen Mississippi und Louisiana, und nebenbei war eine Bärenjagd angesetzt. Die Jagd verlief schlecht: Während die übrigen Teilnehmer Erfolg hatten, bekam der Präsident tagelang kein Tier vor die Flinte. Die Begleiter stellten schließlich einen Bären, banden ihn an einen Baum und forderten Roosevelt auf zu schießen. Er weigerte sich, weil das mit Jagd nichts zu tun habe.
Die Episode wäre vergessen, hätte sie nicht der Zeichner Clifford Berryman aufgegriffen. Seine Karikatur erschien am 16. November 1902 in der Washington Post unter dem Titel „Drawing the Line in Mississippi“, ein Wortspiel zwischen der Grenzziehung und der moralischen Grenze. Berryman zeichnete den Bären zunehmend kleiner und niedlicher, je öfter er das Motiv wiederholte, und machte damit aus einem ausgewachsenen Schwarzbären ein Jungtier mit großen Augen.
Die verbreitete Erzählung führt von dort nach Brooklyn. Morris Michtom, Inhaber eines kleinen Ladens für Süßwaren und Kurzwaren, soll gemeinsam mit seiner Frau Rose einen Stoffbären genäht und ihn zusammen mit dem Zeitungsausschnitt ins Schaufenster gestellt haben, beschriftet als „Teddy's bear“. Die Nachfrage war so groß, dass daraus ein Spielwarenunternehmen wurde, die spätere Ideal Novelty and Toy Company.
Wie viel an dieser Gründungsgeschichte belegt und wie viel nachträglich ausgeschmückt ist, lässt sich heute nicht mehr sauber trennen; sie gehört zu den Erzählungen, die ein Unternehmen über sich selbst pflegt. Unstrittig ist das Ergebnis: Ab etwa 1906 setzte sich in den Vereinigten Staaten der Name „teddy bear“ durch, und aus dem Namen des Präsidenten wurde eine Produktgattung.
Parallel dazu, und ohne Kenntnis der amerikanischen Vorgänge, entstand in Süddeutschland dasselbe Produkt. Margarete Steiff, geboren 1847 in Giengen an der Brenz, war nach einer Kinderlähmung im Rollstuhl und arbeitete als Näherin. 1880 nähte sie nach einer Zeitschriftenvorlage einen kleinen Elefanten aus Filz, gedacht als Nadelkissen. Kinder benutzten ihn als Spielzeug, und daraus wurde ein Geschäft. Ihr Leitsatz, dass für Kinder das Beste gerade gut genug sei, ist bis heute mit dem Unternehmen verbunden.
Den Bären brachte ihr Neffe Richard Steiff ins Sortiment. Er hatte in Stuttgart eine Kunstgewerbeschule besucht und dort Bären im Tiergarten gezeichnet. Sein Entwurf war ein Bär aus Plüsch, dessen Arme, Beine und Kopf sich bewegen ließen, geführt unter der Bezeichnung 55 PB: 55 Zentimeter Größe, Plüsch, beweglich. Auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1903 stieß das Modell zunächst auf wenig Interesse. Erst ein amerikanischer Einkäufer bestellte, und zwar in einer Größenordnung von mehreren tausend Stück.
Zwei Wurzeln, ein Ergebnis
Die Frage, wer den Teddybären „erfunden“ hat, lässt sich nicht beantworten, weil in Amerika und in Deutschland fast gleichzeitig dasselbe entstand: aus der Karikatur der Name, aus der Werkstatt in Giengen die industrielle Bauform mit beweglichen Gliedern. Beide Stränge trafen sich auf dem amerikanischen Markt.
Was folgte, war ein Nachfrageschub, für den das Wort Mode zu klein ist. 1907 gilt als das Bärenjahr: In diesem Jahr verließen nach Unternehmensangaben annähernd eine Million Bären die Fertigung in Giengen. Für ein Unternehmen, das zwei Jahrzehnte zuvor in einer Wohnstube begonnen hatte, ist das ein bemerkenswerter Sprung.
1904 führte Steiff den Metallknopf im Ohr als Erkennungszeichen ein, weil sich rasch Nachahmer fanden. Der Knopf ist damit eines der ältesten Markenzeichen der Spielwarenbranche und bis heute das Merkmal, an dem Sammler zuerst schauen.
Deutschland hatte damals ein zweites Zentrum: die Region um Sonneberg in Thüringen, seit dem 19. Jahrhundert eine Hochburg der Spielzeugherstellung mit einem dichten Netz aus Heimarbeit und kleinen Werkstätten. Von dort stammen zahlreiche Bärenhersteller, deren Nachfolger sich nach dem Zweiten Weltkrieg im benachbarten Franken neu ansiedelten, während im Sonneberger Raum weiterproduziert wurde. Welche Häuser daraus hervorgingen, steht im Beitrag Teddybär-Marken im Vergleich.
Der Bär von 1905 sieht dem Bären von heute nur entfernt ähnlich, und die Unterschiede erzählen die Technikgeschichte gleich mit.
| Zeit | Typische Bauform | Was sie erklärt |
|---|---|---|
| 1903 bis 1920 | Lange Schnauze, ausgeprägter Buckel, lange Arme, Mohair, Holzwolle, Schuhknopf- oder Glasaugen | Der Bär ist noch ein Abbild des Tieres, kein Kindchenschema. |
| 1920 bis 1945 | Kürzere Schnauze, weniger Buckel, teils Kunstseide statt Mohair | Rohstoffknappheit und Kostendruck in den Kriegs- und Zwischenkriegsjahren. |
| 1950er und 1960er | Rundes Gesicht, große Augen, kürzere Arme, erste Kunstfasern | Der Bär wird zum Kuscheltier und passt sich dem Kindchenschema an. |
| Ab den 1970ern | Polyesterplüsch, Hohlfaserfüllung, gestickte Augen, waschbar | Waschmaschine und Sicherheitsanforderungen bestimmen die Konstruktion. |
| Ab den 1980ern | Zwei getrennte Märkte: Sammlerbär und Kinderbär | Die Sammlerszene entsteht, historische Bauformen kehren als Neuauflagen zurück. |
Die auffälligste Veränderung ist das Gesicht. Frühe Bären haben weit auseinanderstehende, kleine Augen und eine lange Schnauze. Im Lauf der Jahrzehnte wanderten die Augen nach vorn und wurden größer, die Schnauze wurde kürzer, die Stirn höher. Das ist exakt das Kindchenschema, und es wurde nicht theoretisch entworfen, sondern vom Markt herausgezüchtet: Bären, die niedlicher aussahen, verkauften sich besser.
Zwei literarische Bären haben das Bild des Teddybären mehr geprägt als jeder Hersteller. 1926 veröffentlichte der britische Autor A. A. Milne die Geschichten um Winnie-the-Pooh, benannt nach dem Bären seines Sohnes Christopher Robin. 1958 folgte Michael Bonds Paddington, ein Bär mit Dufflecoat und Marmeladenbrot, der aus Peru nach London kommt.
Beide Figuren haben gemeinsam, dass der Bär nicht als Tier auftritt, sondern als Charakter mit Schwächen: gutmütig, etwas begriffsstutzig, unbedingt loyal. Genau diese Zuschreibung tragen Kinder heute auf ihr eigenes Kuscheltier über, und sie erklärt, warum ausgerechnet ein Raubtier das Symbol für Geborgenheit wurde. Was in einem Kind dabei psychologisch geschieht, beschreibt der Beitrag Das Kuscheltier als Übergangsobjekt.
Wer einen Bären aus dem Nachlass vor sich hat, kann ihn mit ein paar Merkmalen grob einordnen, ohne Sachverstand vorzutäuschen.
Vorsicht bei der Bewertung: Für Sammler zählt der Zustand der Originalsubstanz. Eine gut gemeinte Wäsche kann den Wert eines alten Bären erheblich mindern. Wie ein solcher Bär stattdessen gereinigt wird, steht im Beitrag Altes Fell trocken auffrischen, und wie er die nächsten Jahrzehnte übersteht, im Beitrag Den Bären aufbewahren.
Die Frage hat keine eindeutige Antwort. In den Vereinigten Staaten entstand nach der Roosevelt-Karikatur von 1902 der Name und ein genähter Bär im Schaufenster von Morris Michtom in Brooklyn. Fast gleichzeitig entwarf Richard Steiff in Giengen an der Brenz einen beweglichen Plüschbären, der ab 1903 in großer Stückzahl nach Amerika ging. Beide Stränge trafen auf demselben Markt zusammen.
Nach Theodore Roosevelt, dem 26. Präsidenten der Vereinigten Staaten, dessen Spitzname Teddy lautete. Er hatte sich im November 1902 geweigert, einen angebundenen Bären zu erschießen; eine Karikatur in der Washington Post machte die Episode bekannt, und der Name blieb am Spielzeug hängen.
Es ist die interne Bezeichnung des ersten Steiff-Bären: 55 Zentimeter Größe, P für Plüsch und B für beweglich, also mit beweglichen Gliedern. Vorgestellt wurde das Modell auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1903.
Eine grobe Einordnung gelingt über Füllung, Gelenke und Proportion: knirschende Holzwolle, Scheibengelenke, lange Schnauze und ein deutlicher Nackenbuckel sprechen für die frühe Bauform. Eine verlässliche Datierung leisten nur Fachleute, unter anderem weil historische Formen als Neuauflagen bis heute gebaut werden.
Weil ein Raubtier, das nachgibt, ein starkes Bild ist. Die Karikatur zeigte einen mächtigen Präsidenten, der ein wehrloses Tier verschont, und die Literatur machte daraus gutmütige Figuren wie Winnie-the-Pooh und Paddington. Dazu kommt die Bauform: Ein Bär lässt sich aufrecht darstellen, hat Arme zum Umarmen und ein Gesicht, das dem Kindchenschema entgegenkommt.
Was ein Stofftier im Kopf eines Kindes tatsächlich leistet.
Welche Häuser aus dieser Geschichte hervorgingen und wofür sie heute stehen.
Wie ein alter Bär die nächsten dreißig Jahre unbeschadet übersteht.